Mit dem E-Bike von Braunschweig Richtung Südtirol – erst nach drei Tagen und 350 Kilometern umgestiegen

Die Fulda immer im Blick – ein großes Rad-Vergnügen 

Braunschweig. Erstmals mit dem E-Bike unterwegs. Was bringt die Tour die nächsten drei Tage Überraschendes. Einfach mal ausprobieren nach gut 3000 Kilometer jedes Jahr auf meinem normalen 28er Trecking-Rad mit dem elektrisch unterstützen Vehikel Richtung Südtirol.  Ich fahre vor und lasse mich am vierten Tag um Würzburg herum einladen.  

Nur das Hotel Rennschuh vorgebucht  

Nur das erste Quartier in Göttingen ist vorgebucht. Im Gegensatz zu den jährlichen Mai-Touren über fünf Tage Richtung Nordsee, die wir zu zweit unternehmen, habe ich die jeweiligen Quartiere nicht vorreserviert. Ich möchte einfach laufen lassen und schauen, wie weit ich komme. Im Gegensatz zum gemeinsamen Ritt über das flache Land durch Niedersachsen und Schleswig-Holstein stehen gute 3500 Höhenmeter auf dem Programm.  

Gute Beine für 130 Kilometer 

Ungewohnt, aber mein Radpartner meint ja immer, ich hätte gute Beine. Wird sich herausstellen, aber mit elektrischem Antrieb sollte es doch klappen. 
Zunächst bewege ich mich auf gewohntem Terrain durch den Braunschweiger Norden bis aufs Ringgleis, der beliebtesten Strecke durch die Löwenstadt – für Einheimische und Touristen. Ein sehr angenehmer Einstieg. Ich verlasse schließlich die Grenzen meiner Heimatstadt kurz hinter Rüningen.  

Die Strecke durch Salzgitter enttäuscht 

Das Salzgitteraner Terrain ist neu für mich, jedenfalls auf zwei Rädern. Um es vorwegzunehmen. Es ist keine besonders schöne Strecke, oft an vielbefahrenen Straßen entlang, und Salzgitter Bad ist für Radler auch nicht unbedingt ein El Dorado. Egal. 

Gegenwind und Regen 

Meine Beine sind schon nach einem Viertel der Tagestour schwer, die 130 Kilometer die ich mir vorgenommen habe, scheinen kein erreichbares Ziel. Gegenwind macht die Sache nicht spannender. Und nun beginnt es an den Bodensteiner Klippen zu tröpfeln. Es fehlt noch der Spaß.  

Ein Discounter mit angeschlossener Bäckerei scheint meine Rettung in Lutter am Barenberge zu sein. Es gießt, ich sitze unter einer Markise und lese die aktuelle Braunschweiger Zeitung zu leckerem Brot mit harter Mettwurst, vorbereitet von meiner Frau in Braunschweig. Dazu gibt es 2 Dosen Coke und 2 exzellente Kaffee aus dem Automaten.

Kollege von der Goslarschen Zeitung plaudert 

Mit Dieter Biener, einem Kollegen der Goslarschen Zeitung, wie ich Fahrradnarr, komme ich ins Gespräch, Er erzählt mir von seinen geführten Abenteuern durch Polen und anderen netten Anekdoten aus Lutter und Umgebung. 
Durch die Plauderei und dem allmählichen Durchblinzeln der ersten Sonnenstrahlen verbessert sich meine Laune schlagartig. Nach gut einer Stunde schwinge ich mich auf meinen Sattel. Weiter geht es mit altbekanntem Elan. Dieter behalte ich in guter Erinnerung. Man sieht ich bestimmt mal wieder. 

Weiter gestärkt mit Coke und Mettwurst 

 Das ist das Schöne am Alleinreisen mit dem Rad. Ich komme immer mit meist sympathischen Menschen ins Quatschen. Und Ärger über Nörgler mit schlechter Laune und Verkehrsraudis schlucke ich runter, registriere ich nur am Rande. Ein wenig Gelassenheit macht das Leben leichter, einfach liebenswerter. 

Badeschlappen vergessen 

Northeim rückt relativ schnell näher. Es ist früher Nachmittag und ich bin auf der Suche nach einem Sportgeschäft. Aufgrund des schnellen Aufbruchs am Morgen und entgegen meiner Gewohnheit, einen Tag früher zu packen, habe ich beispielsweise die Badeschlappen vergessen.  

Bei Intersport Frickmann in Bovenden werde ich zwar fündig, aber eben nur die mit den drei Streifen, die bringt mir meine Frau mit. Der Ladeninhaber schwärmt von Bovenden und alten Zeiten. Als er noch aktiv unterwegs war. Jetzt steht er von morgens bis abends im Geschäft, klagt aber nicht, ist gar guter Dinge. Das spornt an. 

Platt nach acht Stunden
Das Ziel in Sichtweite schaukele ich durch Göttingen bis ins Hotel Rennschuh auf der Kasseler Landstrasse. Platt nach knapp acht Stunden, 129 Kilo- und 740 Höhenmetern. Leicht erschöpft gönne ich mir einen Primitivo und ein Holsteiner Schnitzel. Wahrlich kein einfacher erster Tag – der den Hunger nach der zweiten Etappe weckt. 

Karsten aus Friedland prophezeit Sonnenschein
Frisch gestärkt, entlang am Naturpark Münden schaffe ich am Freitag zunächst nur 14 Kilometer in Friedland. Genau der Ort mit dem Grenzübergangslager. Es fängt an zu regnen, schüttet Eimer Wasser vom Himmel, sodass meine Fortsetzung arg gefährdet ist. Denn ich muss gestehen: Strömenden Regen lehne ich auf dem Rad ab – das macht mir keine Freude.  

Die Rettung erscheint im Café in Karsten – ich nenne ihn so, weil mein Freund und Nachbar aus Braunschweig-Harxbüttel ebenfalls Wetter-Radar–Pabst ist. Der Friedländer Karsten prophezeit mir ab Mittag Sonnenschein. „Die Regenfront zieht vorbei“, sagt er und zeigt zum Beweis auf seine Wetter-App.  

Nach 860 Höhenmetern das Goebels 

Ich zweifle noch, bestelle das immens teure Hotel, das ich vor einer halben Stunde gebucht habe, noch nicht ab. Karsten behält recht. Und es werden wunderschöne 5 Stunden im Sattel. Heute stehen 860 Höhenmeter Anstiege – und 90 Kilometer zu Buche. 
Goebels Hotel Rodenberg gleicht die Turbulenzen bei weitem aus, die die abwechslungsreiche Tour auf meist perfekten Radwegen bis nach Rotenburg an der Fulda gebracht hat. Erklimmen der Höhen in Trubenhausen, in Warburg und Hessisch-Lichtenau bereitet nur Freuden, sicher auch dem Antrieb durch den Bosch-Motor geschuldet.  

Ideale Reisemaschine 

Das KTM 10 plus erweist sich als ideale Reisemaschine, wenn man mit dem 750-KW-Akku haushält. Aber ca. 100 Kilometer darf ich durchs bergige Gelände mit dem 26 Kilogramm schweren Rad schon einplanen, sofern der vierte „Turbo-Gang“ nur im Notfall eingesetzt wird. 

Verplant an der Landesgrenze
Diese Erkenntnis erweist sich für meinen dritten Abschnitt von Rotenburg bis Gersfeld als überaus hilfreich. Ich schieße sozusagen übers Ziel hinaus, fahre 20 Kilometer weiter als geplant, und lerne die Lauf-Qualitäten meines E-Bikes ohne Antrieb kennen.  

Zauberhafte Landschaft 

Aber der Reihe nach: Asche auf mein Haupt, wenn ich in der Vergangenheit über die eigenwillige Art, auch Mundart der Hessen gelästert habe. Schöne Fahrwege, eingebettet in eine zauberhafte Landschaft entlang der idyllischen Fulda – das heißt. pures Genießen auf zwei Rädern. Die Fulda bietet wie Weser und Elbe traumhaftes Vergnügen, abgesehen vielleicht von den Lokalitäten, die die großen Rivalen entlang ihrer Flüsse bieten. Egal.  

Ein Prozent Akku übrig 

Jedenfalls lasse ich mich hinführen, wo Komoot – von mir allerdings vorgeplant – es will, vergesse den Blick auf die Karte zu richten. So lande ich im kargen Motten, kurz hinter der hessischen Grenze zu Bayern. Weil ich mich im Gersfelder Hof mittags angemeldet hatte, muss ich zurück. Wohlweislich verzichte ich 21 Kilometer auf Elektrik in Anbetracht der Tatsache, dass das Hotel auf 700 Metern liegt. Ich schöpfe schließlich den Akku bis auf ein Prozent aus. 

Rustikales Büfett enttäuscht
Übrigens gänzlich dämlich, die viel gepriesene Herberge glänzt lediglich durch den Blick ins Grüne in der schnuckeligen Sauna. Die Zimmer haben ihre beste Zeit hinter sich, das rustikale Büfett, das, so mein Gedanke, draußen frisch auf dem Grill zuzubereiten werden könnte, kommt als zähes, vom Morgen aufgewärmtes Grillgut auf die Teller.  

Gespräche über Kinder
Ein Pärchen aus dem eine Stunde entfernten Spangenberg und ich lassen uns den Abend nicht verderben. Dazu ergibt sich ein viel zu interessantes Gespräch über unsere gleichaltrigen Kinder, einen Job im Auswärtigen Dienst und unsere unterschiedlichen Erfahrungen mit dem größten Auto-Hersteller Deutschlands. Der Mann nach 40 Jahren im Schichtdienst im Volkswagenwerk in Kassel und ich als Redakteur in Wolfsburg bis zur Jahrtausendwende.  

Riesiges Vergnügen und Vorfreude auf Südtirol 

Kurz nach dem Frühstück laden meine pünktlich eingetroffene Frau und ich das E-Bike in Gersfeld aufs unser Auto und düsen bis in den Abend hinein nach Kiens in Südtirol. Wir werden im wunderschönen Kronblick erwartet.
Kurzum: Es bereitet ein riesiges Vergnügen sich mit dem Rad durchs Land zu bewegen. Auf flachem Terrain werde ich weiter mit meinem Trecking-Rad ausschließlich mit Muskelkraft antreiben, sobald es hügeliger wird, greife ich zum E-Bike.